Reformiertes Netzwerk in Europa

Zur Edition des Briefwechsels von Heinrich Bullinger (1504-1575)

Unter den großen Gestalten der Reformationszeit ragen Luther, Zwingli und Calvin ganz unbestritten hervor. Heinrich Bullinger hingegen, der Priestersohn aus Bremgarten, der nach dem frühen Tod Zwinglis als junger Mann das Steuer der Zürcher Kirche übernahm und Zürich zu einem der Zentren des protestantischen Europa machte, stand allzu lange im Schatten seines bahnbrechenden Vorgängers wie auch seines Genfer Amtsbruders, dessen Name sogar auf den reformierten Zweig des Protestantismus übertragen wurde. Zwar bezeichnet man Bullinger gerne als Vater des reformierten Protestantismus, seine bis ins 17. Jahrhundert vielgelesenen und auch oft übersetzten Schriften sind jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten, wenn man einmal vom Zweiten Helvetischen Bekenntnis (1566) absieht, das einigen Kirchen bis heute als Lehrgrundlage dient. Natürlich ist es nicht so, dass das jahrzehntelange rastlose Wirken des Zürcher Antistes keine bleibenden Wirkungen hinterlassen hätte. Bullinger hat nicht nur nach der Katastrophe von Kappel (1531) das Zürcher Kirchenwesen konsolidiert, sondern auch die reformierten Gemeinschaften weit über die Grenzen der Schweiz hinaus beraten, gefördert und mitgeprägt. Als Theologe hat er das eigenständige Profil der zwinglischen Reformation vertieft, sich zugleich aber auch um Verständigung mit Vertretern abweichender Lehrmeinungen bemüht. Wie sehr Bullingers theologisches Denken noch heute weiterlebt, zeigt etwa der wirkungsgeschichtliche Zusammenhang zwischen seiner Theologie des Bundes (Föderaltheologie) und der politischen Theologie des Föderalismus.

Bereits seit längerer Zeit arbeiten Historiker und Theologen in Zürich und an anderen Orten an der wissenschaftlichen Erschließung von Bullingers schriftlichem Nachlass. Schon immer hat man gewusst, dass dem äußerst umfangreichen Briefwechsel des Reformators dabei eine besondere Bedeutung zukommt. Mit den teils schon von Bullinger selbst, dann aber vor allem von Johann Jakob Breitinger, Johann Heinrich Hottinger und Johann Jakob Simler im 17. und 18. Jahrhundert angelegten Sammlungen hütet Zürich einen weltweit wohl einmaligen Schatz reformationsgeschichtlicher Quellen. Immer wieder haben sich Gelehrte in mühevoller Kleinarbeit um dessen Hebung bemüht (vgl. Chronologie der Bullinger-Briefwechseledition), doch die außerordentliche Fülle ließ sie nicht über die Veröffentlichung einzelner Briefgruppen (z.B. Bullingers Korrespondenz mit den Graubündnern) hinausgelangen.

Nicht weniger als 10'000 an Bullinger gerichtete und 2'000 von ihm selbst geschriebene Briefe sind heute in der Kartei der Briefwechseledition verzeichnet; damit dürfte es sich um den umfangreichsten Briefwechsel des 16. Jahrhunderts überhaupt handeln (vgl. Daten zur Briefedition). Dieser erstreckt sich von Schottland bis nach Weißrussland und von Dänemark bis nach Italien. An diesem Briefnetz waren mehr als 1'100 Korrespondenten beteiligt. Dabei ist die Tatsache besonders interessant, dass die Beteiligten aus allen Schichten der Gesellschaft stammen: Vom Gelehrten und Staatsmann bis hin zu dem kaum des Schreibens kundigen Handwerker. Etwa vier Fünftel der Briefe sind auf Latein, ein Fünftel auf Frühneuhochdeutsch, vereinzelte Briefe auf Französisch, Italienisch oder Griechisch verfasst.

Bullingers Korrespondenz enthält Informationen sowohl politischer, biographischer, ökonomischer, klimatologischer als auch mentalitäts- und kulturgeschichtlicher Natur. In ihr finden sich besonders viele, oft unbekannte Angaben zu den damaligen Drucken, was im Fall eines anonym oder unter einem Pseudonym erschienenen Drucks besonders aufschlussreich werden kann. Die Edition trägt mit ihrer Erschließung bislang unzugänglicher handschriftlicher Quellen entscheidend zur Neuorientierung der Historiographie bei und ist in einem weiteren, internationalen Erschließungsprozess von Korrespondenznetzen wahrzunehmen. Sie ist ebenfalls für die Sprachwissenschaften, nämlich für Studien zur Entwicklung des Spätlateins und des Frühneuhochdeutschen, von großem Interesse, wurde aber leider in ihrer Bedeutung dafür noch kaum wahrgenommen.

Durch die Menge und Vielfalt der in ihr übermittelten Informationen, durch ihre Dichte (im Durchschnitt zwei Briefe jeden dritten Tag – so dass bei einem gegebenen Ereignis kritische Vergleiche oft möglich werden, weil davon mehrere Berichte oder Reaktionen vorliegen), wegen ihrer sich über fünfzig Jahre (1524-1575) erstreckenden Zeitspanne, ihrer geographischen Weite und angesichts des wachsenden Interesses an Epistolographie und Netzwerken im Allgemeinen und der Frühen Neuzeit im Besonderen (zumal Briefe einen intimeren Einblick in die Vergangenheit erlauben als etwa gedruckte Bücher) stellt Bullingers Korrespondenz eine unentbehrliche Quelle für die Erfassung der Geschichte und Kultur Europas im 16. Jahrhundert dar.

 

Den gemeinsamen Anstrengungen des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte, des Zwinglivereins und des Theologischen Verlags Zürich, und besonders der vom Schweizerischen Nationalfonds und von der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich geleisteten Finanzierung ist es zu verdanken, dass diese chronologisch angelegte Briefedition überhaupt erscheinen kann.

Bislang sind in den 18 publizierten Bänden (darunter ein Zusatzband 10A) 2629 Briefe aus den Jahren 1524 bis September 1546 veröffentlicht worden. Seit Band 7 werden diejenigen Briefe, die bereits in gut zugänglichen Publikationen des 19. bis 21. Jahrhunderts in ausreichender Qualität veröffentlicht sind, nur noch in einer ausführlichen Zusammenfassung auf Deutsch wiedergegeben. Gemessen an den bisher erschienenen Bänden entspricht dies ca. 15% des gesamten Briefwechsels. Bis Band 14 wurden alle Briefe mit einem deutschen Regest versehen, ab Band 15 aber mit einer ausführlicheren deutschen Zusammenfassung. Band 18 mit seinen etwa 130, zwischen Oktober und Dezember 1546 verfassten Briefen steht in Bearbeitung und sollte Anfang 2017 im Druck vorliegen.

Seit November 2013 sind die gedruckten Bände bis auf diejenigen, die vor weniger als zwei Jahren erschienen sind, der Öffentlichkeit anhand einer elektronischen Ausgabe online frei zugänglich gemacht worden (vgl. Elektronische Ausgabe). Damit werden erstmals kombinierte Untersuchungen dieser Briefe möglich. Band 17 mit seinen 152, zwischen Juni und September 1546 verfassten Briefen wird der elektronischen Ausgabe voraussichtlich im Dezember 2017 einverleibt.

Verfasser: Rainer Henrich und Reinhard Bodenmann (Stand Oktober 2016)