Heinrich Bullinger: Briefe des Jahres 1541

 

Heinrich Bullinger
Briefe des Jahres 1541
Rainer Henrich, Alexandra Kess, Christian Moser (Hrsg.)
Heinrich Bullinger Werke. 2. Abt. Briefwechsel 11
Zürich (Theologischer Verlag) 2005

400 Seiten, Hardcover
ISBN 3-290-17339-9
EUR 80.00 (D)/82.30 (A)/CHF 130.00

Einleitung

Anders als in den vorausgegangenen Jahren wird Bullingers Korrespondenz 1541 klar durch ein einzelnes Thema dominiert. Vor allem die erste Jahreshälfte steht völlig im Zeichen der Reichsreligionsgespräche in Worms und Regensburg. Die vorliegenden Briefe enthalten eine erstaunliche Fülle von Material zu diesen beiden Anlässen, obwohl die eidgenössischen Kirchen gar nicht direkt daran beteiligt waren. Über das bereits im Januar vom Kaiser abgebrochene Gespräch in Worms berichtet - als Mitglied der Straßburger Delegation - Bullingers Basler Freund und Kollege Simon Grynäus aus erster Hand. In Regensburg verfügt Bullinger ab Mitte April über eine noch reicher sprudelnde Informationsquelle: Sein aufgeweckter Zögling Rudolf Gwalther, Student in Marburg, darf die hessische Delegation zum Reichstag begleiten und erhält unmittelbaren Zugang zur fürstlichen Kanzlei. Als die Zürcher von Gwalthers eigenmächtiger Abreise aus Marburg erfahren, beordern sie ihn zwar augenblicklich nach Hause, doch es dauert einige Wochen, bis er davon erfährt und heimkehrt. Inzwischen hat sich aber sein Aufenthalt in Regensburg als derart nützlich erwiesen, dass er umgehend nochmals mit Briefen des Rates und der Pfarrer dorthin entsandt wird. Wenn auch die dortigen Ereignisse bereits aus vielen Quellen bekannt sind, so treten in der Korrespondenz dieser Wochen und Monate doch überraschend neue Aspekte zu Tage, etwa hinsichtlich direkter brieflicher Kontakte der Zürcher Theologen mit ihren in Regensburg versammelten Kollegen. Die Existenz einiger solcher Schreiben lässt sich einzig aus ihrer Erwähnung in hier erstmals publizierten Briefen Gwalthers erschließen. Auf diese Weise ergänzt der vorliegende Band die andernorts laufenden Editionen der Religionsgesprächs- und Reichstagsakten in idealer Weise.

Erneut zeigt sich, dass Bullinger bereits über ein gut ausgebautes Netzwerk verfügt. Eine Hauptachse des brieflichen Nachrichtenverkehrs verläuft von Straßburg über Basel nach Zürich, aber auch von Konstanz aus wird Bullinger laufend informiert, und überdies profitiert er von den kollegialen Kontakten mit süddeutschen Reichsstädten wie Ulm und Memmingen, teilweise vermittelt durch Vadian. Auch in umgekehrter Richtung werden Berichte weitergeleitet, ebenso von Zürich nach Graubünden oder über St. Gallen an dessen Nachbarkirchen (Appenzell). Oft enthalten die Briefe schlechte Nachrichten; die türkischen Erfolge in Ungarn beunruhigen nicht nur Bullinger schwer, und die sich immer weiter ausbreitende Pestepidemie führt zu einer langen Liste von Opfern in seinem näheren und ferneren Umfeld, wirft aber wegen der Ansteckungsgefahr auch heikle praktisch-theologische Fragen auf. Das Jahr endet mit ersten Nachrichten über die Niederlage des Kaisers vor Algier, während die wiederholten Anklagen gegen den "Mordbrenner" Herzog Heinrich von Braunschweig kommende Konflikte vorausahnen lassen.

Die fragmentarische Überlieferung von Bullingers eigenen Briefen führt dazu, dass wir meist mehr über die Position seiner Korrespondenten als über seine eigene Haltung zu den betreffenden Themen erfahren. Mit einigen zum Teil sehr umfangreichen Schreiben zeigt aber der Zürcher Reformator in diesem Jahrgang auch selber theologisches Profil. Zum einen lässt er sich auf ein ausführliches Gespräch mit dem schwenckfeldisch beeinflussten Württemberger Kanzler Nikolaus Müller gen. Maier ein. Zum anderen veranlasst ihn eine Vorlesung von Grynäus über 1Kor 11 zu einer scharfen Kritik an dessen christologischen und sakramentstheologischen Äußerungen. Diese bisher kaum beachtete Debatte erhält unerwartete Dramatik, die den Zürcher Antistes tief berührt, als sie durch den überraschenden Tod von Grynäus abrupt unterbrochen wird. Da die Argumentation in den genannten Briefen an Müller und Grynäus teilweise parallel läuft, ergeben sich interessante Beobachtungen zu Bullingers Arbeitsweise. Mehr Beachtung als diese zwei bisher ungedruckten Lehrschreiben fand bereits bei den Zeitgenossen der Brief an Hermann Aquilomontanus, in dem sich Bullinger gegen nikodemitische Ansichten wendet. Von besonderem theologischem Interesse ist im Weiteren die Diskussion mit Guillaume Farel über die Abendmahlszulassung.

In theologischer Auseinandersetzung sehen wir Bullinger auch beim Gespräch mit dem gelehrten, aber (nach heutiger Einschätzung) vermutlich krankhaft verwirrten Passauer Domdekan Ruprecht von Mosham. Interessant sind hier weniger die umstrittenen Lehrinhalte als die Koordination des Umgangs mit einem reisenden Irrlehrer. In diesem Fall bewährt sich die enge Zusammenarbeit der Kirchenleiter der reformierten Städte. Ähnliches gilt für die koordinierten Aktionen zur Rückberufung von Calvin nach Genf und zur Fürsprache für die verfolgten Protestanten in Frankreich. Die zwischenkirchliche Solidarität, aber auch die Erweiterung des Horizonts Richtung Westen zeigt sich überdies im engagierten Eintreten der Zürcher für Farel, dessen Stellung in Neuenburg wegen seiner scharfen Kritik an den Mächtigen akut gefährdet ist. Anders als in Neuenburg bleibt es in Basel recht ruhig, obwohl auch dort die Spannungen zwischen den Pfarrern und der Obrigkeit keineswegs überwunden sind. Über die weiter schwelenden Konflikte in der Berner Kirche wird Bullinger durch den streng zwinglianischen Pfarrer Erasmus Ritter auf dem Laufenden gehalten. Hier zeigt sich der Schatten Bucers ebenso wie im Briefwechsel mit Chur, denn zwei Schreiben des Straßburgers von 1539 sorgen bei Bullinger noch immer für Irritation.

Von den kleineren Tagesgeschäften des Zürcher Kirchenleiters schlägt sich nur wenig im Briefwechsel dieses Jahres nieder, etwa der Konflikt um den Amtmann im ehemaligen Kloster Rüti, die finanziellen Schwierigkeiten einzelner Pfarrer oder die Absage der Synode wegen der Pest. Hingegen ist seine Aufsicht über die auswärts - vor allem in Basel und Marburg - studierenden Zürcher immer wieder ein Thema; die zahlreichen Studentenbriefe sowie Schreiben einzelner Kostgeber und Lehrer geben Einblick in Fragen der Studiengestaltung, zeigen aber auch allerhand Schwierigkeiten der Disziplinierung auf. Ebenso muss sich Bullinger um Schüler kümmern, die zur Ausbildung nach Zürich kommen; in diesem Zusammenhang wird die wenig bekannte, aber in Kirchen- und Schulsachen immer wieder zu beobachtende Anlehnung Biels an Zürich an einem Beispiel fassbar. Von Bullingers publizistischen Arbeiten hören wir kaum etwas, außer dass er Proben seines ersten Evangelienkommentars verschickt; daneben kümmert er sich um die Veröffentlichung der ersten dichterischen Werke Gwalthers. Aufschlussreiche Einblicke in seine Werkstatt als Historiker gibt ein außergewöhnlich umfangreicher Brief Vadians, in dem dieser Auskunft über Detailprobleme der fränkischen Urkundenterminologie erteilt.

Werfen wir zum Schluss einen Blick auf einige neue Namen im Kreis der Korrespondenten. Da ist - außer dem bereits genannten Kanzler von Württemberg - der große Chronist und katholische Politiker Ägidius Tschudi zu nennen, daneben aber auch ein sonst gänzlich Unbekannter, der Memminger Arzt Johannes Regel. Bemerkenswert ist das erste Schreiben des kämpferischen Lutheraners Markus Crodel, der in Zürich ein herausragendes Kompetenzzentrum für die theologische Auseinandersetzung mit dem Judentum sieht, der aber durch seinen - mit Wittenberg abgesprochenen? - Vorstoß Bullinger offensichtlich von der Abfassung seiner konfessionspolitisch wesentlich brisanteren Evangelienkommentare ablenken will. Langfristig bedeutend ist schließlich die neu entstehende Freundschaft mit dem theologisch interessierten englischen Kaufmann Richard Hilles, der in diesem Jahr Bullingers einzige briefliche Quelle für Nachrichten aus England bleibt. Dass sich Hilles nicht scheut, den Zürcher Kirchenleiter für seinen Tuchhandel in Anspruch zu nehmen, trägt auf originelle Weise zur enormen thematischen Vielfalt der Bullingerkorrespondenz des Jahres 1541 bei.