Heinrich Bullinger: Briefe des Jahres 1543

 

Heinrich Bullinger
Briefe des Jahres 1543
Rainer Henrich, Alexandra Kess, Christian Moser (Hrsg.)
Heinrich Bullinger Werke. 2. Abt. Briefwechsel 13
Zürich (Theologischer Verlag) 2008

381 S., Hardcover
ISBN 978-3-290-17459-0
CHF 125,00 EUR 83,00 EUA 85,40

Einleitung

Aus der Perspektive des Bullinger-Briefwechsels erscheint das Jahr 1543 als eine Phase beunruhigender Zuspitzung der politischen und konfessionellen Lage. Die Ankunft Kaiser Karls V. in Deutschland und sein rascher Sieg über Herzog Wilhelm von Jülich hinterlassen bei den Protestanten einen tiefen Eindruck, auch wenn dem Kaiser ein vergleichbarer Erfolg gegen Frankreich versagt bleibt. Seine strengen Maßnahmen gegen Metz und Hildesheim lassen Schlimmes befürchten, nachdem zuvor schon der französische Handstreich gegen das Kloster Gorze, Guillaume Farels Predigtstätte bei Metz, für Schrecken gesorgt hat. Das Jahr endet im Zeichen der Unsicherheit über den bevorstehenden Reichstag zu Speyer.
Auch kirchenpolitisch spitzen sich alte Konflikte erneut zu: Luthers schroffer Brief an den Drucker Christoph Froschauer trifft die Zürcher Theologen und ihre Freunde trotz vorausgehender Warnsignale überraschend und verletzt sie zutiefst. Zwar verzichten sie darauf, sich öffentlich zu Luthers privatem Schreiben zu äußern, und noch ist nicht klar, dass nun der definitive Bruch bevorsteht, doch der von Bullinger gerade erst wieder angeknüpfte Dialog mit Martin Bucer wird durch diesen Vorfall massiv belastet. Anlass zur Kontaktaufnahme mit Bucer ist der von letzterem entscheidend mitgeprägte Reformationsversuch des Kölner Kirchenfürsten Hermann von Wied, eine Entwicklung, die in Zürich mit Sympathie verfolgt wird und die Bullinger mit einem Schreiben an den Erzbischof auch persönlich zu fördern versucht. Die Freude über solch hoffnungsvolle Ansätze wird jedoch getrübt durch Ereignisse wie den Herrschaftswechsel in der unweit von Basel gelegenen Grafschaft Mömpelgard, wo Herzog Christoph von Württemberg die Pfarrer zur Einführung lutherischer Kirchenbräuche drängt.
Immer wieder wird Bullinger um Stellungnahme zu aktuellen Problemen gebeten. Besonders die Frage der Kirchenzucht erweist sich als Brennpunkt im Spannungsfeld zwischen Kirche und Obrigkeit, und zwar - wenn auch unter verschiedenen Vorzeichen - in Bern ebenso wie in Basel und Konstanz. Das Thema der Exkommunikation begegnet auch im gehaltvollen, von der Forschung bereits intensiv diskutierten Brief an Johannes Honter. Außer durch Briefe wirken Bullinger und seine Kollegen vor allem durch ihre wissenschaftlichen Publikationen, deren Echo sich regelmäßig im Briefwechsel findet. Sowohl die von den Zürcher Theologen übersetzte und mit einer Einleitung Bullingers versehene "Biblia sacrosancta" als auch sein Johanneskommentar, dessen Widmungsvorrede eine umfangreiche Abhandlung zur Rechtfertigungslehre darstellt, finden großen Widerhall. Lob erntet der Verfasser nicht zuletzt für seine erneute Kritik an der Christologie Kaspar Schwenckfelds. Allerdings stößt der kirchenpolitisch engagierte Exeget auch auf Widerstand: Der hessische Theologe Johannes Lening bringt ihn in spürbare Verlegenheit, als er den Nachweis versucht, dass Bullingers Verurteilung der Polygamie dessen eigenen biblisch-theologischen Grundsätzen und seiner Kritik am Rigorismus der Täufer widerspricht.
Wenn wir uns den "kleineren" Themen des Briefwechsels zuwenden, tut sich ein weites Feld auf. In den Briefen aus Basel ist von zwei epochalen Publikationen die Rede: Zum einen kann nun endlich die umstrittene Koranausgabe erscheinen, zum andern interessiert sich Bullinger für das bahnbrechende anatomische Werk von Andreas Vesalius. Daneben begleitet er aktiv das Entstehen der Eidgenössischen Chronik von Johannes Stumpf, für den er unter anderem Erkundigungen über die Geschichte von Schaffhausen einholt. Zugleich muss er sich mit dem Auftreten von Täufern in dieser Zürich eng verbundenen Stadt auseinandersetzen. In Chur ist Johannes Blasius durch unvorsichtige Äußerungen über die Huldigung an den Bischof in Schwierigkeiten geraten, und aus Straßburg kommen Klagen über die Verweigerung der Abendmahlsgemeinschaft durch einen Zürcher Studenten. Aber auch um Privates kümmert sich der Zürcher Kirchenleiter: Dem Bürgersohn Hans Wilpert Zoller soll - trotz moralischer Bedenken - der Weg an einen Fürstenhof geebnet werden, und zur Vorbereitung der Hochzeit eines vornehmen Bielers mit einer Zürcherin ist ein längerer Schriftwechsel erforderlich. Wie weit das Spektrum der an Bullinger herangetragenen Anliegen reicht, belegt wohl am besten die Bitte Ambrosius Blarers um verdeckte Verhandlungen über eine wehrtechnische Erfindung des Konstanzer Ratsherrn und Tüftlers Konrad Zwick.
Ein näherer Blick auf den Korrespondentenkreis zeigt, dass Oswald Myconius in Basel und Ambrosius Blarer in Konstanz mit je rund zwanzig Briefen auch dieses Jahr mit Abstand an der Spitze stehen, gefolgt von Johannes Gast als weiterem wichtigem Briefpartner in Basel. Einen mehr qualitativen als quantitativen Schwerpunkt bildet der bereits erwähnte Briefwechsel mit Bucer. Überraschend ist die relativ hohe Zahl von acht Briefen aus respektive nach Biel, in denen es zum Teil um schulische Angelegenheiten, zum Teil um die bereits erwähnte Eheanbahnung geht. Umgekehrt ist bemerkenswert, dass Calvin und Farel mit nur je einem einzigen Brief vertreten sind. Vor allem ist aber auf die Erschließung ganz neuer Räume hinzuweisen: Erstmals stoßen wir auf vier Briefe venezianischer Reformationsfreunde (Baldassare Altieri und Bartolomeo del Prato), und ebenso hoch ist die Zahl der Briefe, durch die Siebenbürgen in Bullingers Gesichtsfeld tritt (Martin Hentius in Wittenberg und Johannes Honter in Kronstadt/Braşov). Erwähnenswert unter den erstmals auftretenden Korrespondenten ist auch der aus Zürich stammende "Trabant" Hans Ratgeb mit seinem anschaulichen Bericht über den Einzug des Papstes in Ferrara. Weitere neue Korrespondenten wie der Memminger Stadtschreiber Georg Maurer oder der sonst völlig unbekannte Engländer Francis Warner bleiben jedoch vorübergehende Gäste.

Rainer Henrich · Alexandra Kess · Christian Moser