Heinrich Bullinger: Schriften zum Tage

 

 

Heinrich Bullinger
Schriften zum Tage [Originaltexte]
Hg. von  Hans U. Bächtold, Ruth Jörg und Christian Moser
Zug (Achius Verlag) 2006
Studien und Texte zur Bullingerzeit 3

Pb., 404 Seiten
Fr. 38.-- / € 25.--
ISBN 3-905351-12-9

 

Aus dem Vorwort

"Die Texte, die in diesem Band vorgelegt werden, sind aus der Übersetzungsarbeit an der umfangreichen Ausgabe ausgewählter Schriften von Heinrich Bullinger (Heinrich Bullinger, Schriften, hg. von Emidio Campi, Detlef Roth und Peter Stotz, 6 Bde. und Registerbd., Zürich: Theologischer Verlag, 2005) herausgewachsen. Der sechste Band dieser Ausgabe enthält kürzere oder längere Gelegenheitsschriften Bullingers, die sich dem Titel "Schriften zum Tage" unterordnen lassen. Da mehrere der Schriften direkt aus Handschriften oder aus schwer zugänglichen Editionen in die Übersetzungsausgabe gelangten, setzten wir uns zum Ziel, die betreffenden Quellenstücke zum wissenschaftlichen Gebrauch im Originalwortlaut zugänglich zu machen. Es entstand so gleichsam ein Begleitbuch zur Übersetzungsausgabe; es ergänzt diese und schließt eine Forschungslücke.

Der Band umfasst 26 Schriften, die schlaglichtartig den politischen Alltag von Heinrich Bullinger ausleuchten. Im Vordergrund steht dessen Dialog mit der Obrigkeit. Gutachten, die in schriftlicher Form an den Rat gingen, und Vorträge Bullingers bilden das Hauptcorpus der Sammlung. Dazu kommen eine Rede vor der Synode (1571) und drei Einzelschriften: ein Aufruf zur Bildung eines reformierten Sonderbundes (1532), eine Abhandlung über das Glockenläuten (1571) und eine Stellungnahme zu den schwarzen Künsten (1571).

Heinrich Bullinger, der als Nachfolger Huldrych Zwinglis von 1531 bis 1575 der Zürcher Kirche vorstand, nahm im Verlaufe seiner langen Amtszeit immer wieder Stellung zu politisch-gesellschaftlichen Fragen, die in irgendeiner Weise den Lebensraum und die Interessen der reformierten Zürcher Kirche berührten. Als Gutachter des Rates wirkte er im Bereich des Schulwesens, wie aus den Vorschlägen für neue Schulen und für Schulordnungen von 1537, 1556 und 1566 hervorgeht, und auch in Wirtschaftsfragen war die Meinung des Gelehrten und seiner Kollegen gefragt, wie das Gutachten von 1534 zeigt. Vor allem aber wollte und konnte der Rat so brisante Diskussionen wie z. B. jene über ein etwaiges Soldbündnis Zürichs mit Frankreich (1549) oder über eine Beteiligung am Konzil von Trient (1562) nicht ohne die Stellungnahmen der Kirchenmänner führen.

Doch ungleich häufiger finden sich unter den nachgelassenen Papieren Bullingers sogenannte Fürträge, d..h. Aufzeichnungen und Manuskripte zu den Vorträgen, die er vor dem Kleinen oder Großen Rat gehalten hat (im Folianten E II 102 des Staatsarchivs Zürich ist uns sozusagen ein Kopialbuch überliefert, das die wichtigsten Vorträge enthält). Diese direkten Begegnungen des Kirchenvorstehers mit den Politikern machen anschaulich, wie Kirche und Staat zusammenwirkten und Differenzen bereinigten, aber auch welche Interessen und Kräfte den Diskurs bestimmten.

Es sind durchwegs wichtige Fragen zu den äußeren Beziehungen wie zu inneren Problemen des Zürcher Staatswesens, die Bullinger zu solchen Auftritten bewegen. In den Bereich der Außenpolitik etwa fällt seine Abmahnung vor einer Beteiligung an einem kaiserlichen Türkenfeldzug (1532), sein skeptischer Einwurf gegen eine Begegnung mit Luther im fernen Eisenach (1536), sein Aufruf zur Solidarität mit französischen Glaubensflüchtlingen (1569) oder – auf dem Felde der eidgenössischen Politik – sein energischer Einspruch gegen die Anwendung einer "katholischen" Schwurformel (1551).

Seine Interventionen im innerstaatlichen Bereich spiegeln dramatisch den wirtschaftlichen und sozialen Niedergang von der Jahrhundertmitte an. In leidenschaftlichen Vorstößen setzt er sich für die Armenfürsorge ein (1558), wendet sich gegen die sittliche Verwahrlosung (1560), gegen das Kirchweihfest (1566) und gegen die zunehmende Wucherei (1568). Suchte er vorerst die Ursache des Übels in der leichtfertigen Lebensweise der Zürcher, so präsentiert er nach dem Katastrophenjahr 1571 über das gängige Moralisieren hinaus auch wirtschaftliche Maßnahmen, um die Verarmung und Verwahrlosung aufzuhalten (1572).

Geht es um die Rechte der Kirche und um ihre reformatorischen Anliegen, dann zeigt sich Bullinger besonders kämpferisch und unnachgiebig. Er verteidigt in seinen Einsätzen zur Abschaffung der Beinhäuser (1568), den Überbleibseln aus einer vergangenen Epoche, in seinen Vorträgen gegen obrigkeitliche Eigenmächtigkeiten bei der Pfarrerberufung (1538) oder gegen die Einschränkung der freien Predigt (1549) und des gedruckten Wortes (1553) die legitimen Bedürfnisse der reformierten Kirche gegen den obrigkeitlichen Pragmatismus. Und gelegentlich können seine Interventionen sogar zu Kraftproben auswachsen, die er dann beherzt, nur gerade mit der Waffe des besseren Arguments gerüstet, austrägt – mit Gewinn z. B. in der Verteidigung des Großmünsterstiftes vor einem staatlichen Zugriff (1532), erfolglos aber in der hitzigen Debatte um die zweckgerechte Verwendung der ehemaligen Kirchengüter (1555). Im Abschiedsbrief an den Rat (1575), dem abschließenden Schriftstück in unserem Band, greift Bullinger die Hauptprobleme, die sein politisches Leben begleitet haben, noch einmal auf und appelliert mit Nachdruck an die Verantwortlichkeit der weltlichen Obrigkeit für die Reformation.

Obwohl die vorliegende Auswahl nur einen Bruchteil der überlieferten Stücke ausmacht, repräsentiert sie dennoch die Vielfalt an Äußerungen Bullingers im politischen Alltag. Und obschon für den Tag geschrieben, enthalten die Schriften zumeist Grundsätzliches und Exemplarisches. Zwar haben wir die Reaktionen oder Gegenschriften der Obrigkeit nicht wiedergegeben, doch die Angaben in den Sachanmerkungen und vor allem die Einleitungen machen den historischen Kontext fassbar. Sie vermitteln damit das Bild der kirchlich-obrigkeitlichen Dynamik und, ein wenig auch, der Streitkultur im Zürich der Bullingerzeit.

Inhalt

Vorwort und Editionsrichtlinien
5–10

Gegen die Verstaatlichung des Großmünsterstiftes
Fürtrag Bullingers vor dem Großen Rat, 17. Februar 1532
11–22

Gegen die Teilnahme am Türkenzug
Fürtrag von Bullinger und Leo Jud vor dem Kleinen Rat, 17. Juli 1532
23–33

Forderung nach einem reformierten Sonderbund
Manuskript Bullingers zu einer Flugschrift, [September] 1532
35–55

Eine neue Zinsordnung
Gutachten der Pfarrer zuhanden des Kleinen Rates, [Februar 1534]
57–69

Stellungnahme zum Gespräch mit Luther in Eisenach
Stellungnahme der Pfarrer zuhanden des Kleinen Rates, [24. April 1536]
71–78

Einrichtung einer Schule in Rüti
Eingabe Bullingers an den Kleinen Rat, 19. Dezember 1537
79–85

Das Vorschlagsrecht bei Pfarrwahlen
Fürtrag von Bullinger und Leo Jud vor dem Großen Rat, Juli 1538
87–97

Gegen eine Solddienstallianz mit Frankreich
Stellungnahme Bullingers zuhanden der Obrigkeit, [kurz nach dem 4. Mai] 1549
99–113

Die Freiheit des Kanzelwortes
Fürtrag Bullingers vor dem Kleinen Rat, 12. Oktober 1549
115–125

Gegen das Schwören "bei den Heiligen"
Fürtrag Bullingers vor dem Großen Rat, 9. Dezember 1551
127–137

Forderung nach Druckfreiheit
Fürtrag von Bullinger, Johannes Wolf und Rudolf Gwalther vor dem Kleinen Rat, 26. Juli 1553
139–148

Die gerechte Verwendung der Kirchengüter
Fürtrag Bullingers vor dem Kleinen Rat, 16. Dezember 1555
149–173

Einrichtung zweier deutscher Schulen
Gutachten Bullingers zuhanden des Kleinen Rats, [1556]
175–184

Zur Armenfürsorge
Fürtrag Bullingers unter Mitwirkung von Rudolf Gwalther, Johannes Wolf, Ludwig Lavater, Huldrych Zwingli und Johann Jakob Wick vor dem [Kleinen?] Rat, 23. März 1558
185–197

Klage über den Sittenzerfall
Fürtrag Bullingers vor dem Kleinen Rat, 8. Mai 1560
199–208

Ablehnung der Einladung an das Konzil von Trient
Eingabe der Pfarrer und Lehrer an die Obrigkeit, 13. Mai 1562
209–228

Abschaffung der Kirchweih
Fürtrag der Pfarrer vor dem Kleinen Rat, 16. September 1566
229–239

Ordnung für die Schüler im Alumnat
Schulordnung Bullingers für das Fraumünster-Alumnat, [kurz vor 4. November] 1566
241-260

Maßnahmen gegen den Wucher
Fürtrag Bullingers im Namen der Zürcher Pfarrer vor dem Kleinen Rat, 14. Februar 1568
261–268

Gegen die Beinhäuser
Fürtrag der Pfarrer vor dem Kleinen Rat, 10. März 1568
269–276

Eintreten für die französischen Flüchtlinge
Fürtrag von Bullinger, Johannes Wolf und Wolfgang Haller vor dem Kleinen Rat, 8. Januar 1569
277–286

Gegen die schwarzen Künste
Traktat, 1571
287–305

Das Glockenläuten
Abhandlung, [1571]
307–327

Die Einnahmen und Ausgaben der Stadt Zürich
Schlussrede Bullingers vor der Synode, 23. Oktober 1571
329–336

Vorschlag zur Bekämpfung von Armut und Bettelei
Gutachten Bullingers und Rudolf Gwalthers zuhanden der Obrigkeit, 31. August 1572
337–356

Abschiedsbrief Bullingers an Bürgermeister, Räte und Burger, 2. August 1575
357–368

Quellen und Literatur
369–380

Register der zitierten Handschriften
381

Bibelstellenregister
383–386

Personen- und Ortsregister
387–402

Mitarbeitende
403–404